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Klinik Bavaria Kreischa
Klinik Bavaria
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SELBSTHILFE FÜR APHASIKER

 

Kinder, die vernachlässigten Angehörigen

Vor ein paar Jahren konnten wir auf Plakaten die Kampagne lesen: Mehr Zeit für Kinder. Verspätet hat dieses Thema endlich auch in der Aphasietherapie Gehör gefunden. Wenn wir als Sprachtherapeuten gefragt werden, wie es eigentlich den Kindern von Betroffenen geht, müssen wir eingestehen, dass wir wenig darüber wissen.

Es ist müßig hier zu überlegen, warum wir in der Angehörigenberatung selten bis nie die Kinder mit einbeziehen.

Vielleicht weil wir selbst als Erwachsene im Umgang und Begreifen von Aphasie oft mit dem Rücken zur Wand stehen und vieles nicht wissen. Wie sollen wir also einem Kind erklären, was wir selbst nicht verstehen?

Aber wir sollten uns die Zeit nehmen, zu mindesten das zu erklären, was wir wissen und wir sollten uns Zeit nehmen, die Kinder zu fragen, wie es ihnen geht. Eine Kollegin aus Köln (Katrin Schneckenburger) hat dies getan und fand bei der Vorstellung ihrer Arbeit bei den diesjährigen Würzburger Aphasietagen beim Publikum große Resonanz.

Vor welcher Situation stehen Kinder von Aphasikern oftmals - auf welche Aspekte psychischer und physischer Verfassung treffen wir:

Die befragten Kinder erzählten von Schuldgefühlen. Sie suchen nach Gründen, warum ihre Mutter oder ihr Vater krank geworden ist und glauben, daß sie selbst daran schuld seien. Weil sie nicht immer artig waren und ihren Eltern gefolgt haben, kann der Vater oder Mutter als Strafe jetzt nicht mehr sprechen.
Wir sollten mit den Kindern über ihr Gefühl, selbst böse zu sein, reden.

Neben Schuldgefühlen äußern Kinder auch Angst. Sie haben erlebt, daß ein Elternteil auf einmal weg war - im Krankenhaus, und auch der gesunde Elternteil angespannt ist und weniger Zeit für sie hat. Manchmal waren es die Kinder, die als erste ihre Eltern bewußtlos gefunden haben. Sie haben Angst, daß so etwas noch einmal passieren kann oder daß der Gesunde auch noch weggeht oder daß sie selbst krank werden.
Wir sollten mit Kindern über ihre Ängste reden.

Manchmal berichten die Kinder auch von Wut. Zunächst gegenüber ihren kranken Eltern, weil sich auf einmal alles nur noch um die Krankheit dreht. Dann aber zunehmend Wut auf sich selbst, denn sie sagen sich: ich darf nicht wütend auf meine Mutter oder Vater sein. Er oder sie ist krank und braucht meine Hilfe. Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich wütend bin. Wir sollten mit den Kindern auch darüber sprechen.

Und Kinder haben Schamgefühle. Ihre Familie ist nicht so wie früher. Ein Elternteil ist behindert. Wenn die Eltern im Rollstuhl sitzen, erleben sie die Blicke auf der Straße, wenn sie sie in die Stadt oder zu Arzt- und Therapiebesuchen begleiten. Sie schämen sich gegenüber Gleichaltrigen und bringen keine Freunde mehr mit nach Hause. Diese sollen das falsche Reden der Mutter oder des Vaters nicht hören. Sie haben nicht die Möglichkeit, mit Mitschülern sich auszutauschen, weil diese die Situation nicht haben und nicht kennen. Kinder aphasischer Eltern sind oft alleine. Einzige Verbündete sind manchmal die Geschwisterkinder, die aber auch nicht helfen können, weil sie selbst hilflos alleine sind.

Wir sollten uns endlich Zeit nehmen mit den Kindern über diese Dinge wie Schuld, Wut, Angst und Scham zu reden, wir sollten sie mit ihren Gedanken und Gefühlen nicht länger alleine lassen.

Hier nur in Ansätzen weitere Aspekte: Die Notwendigkeit intensiverer Hilfe. Die Kinder von Aphasikern müssen ihren Eltern mehr helfen und auf andere Art helfen als Kinder gesunder Eltern. Da der betroffene Elternteil körperlich häufig nicht mehr über seine volle Leistungsfähigkeit verfügt, müssen also auch die Kinder einspringen. Ebenso trifft das zu für Kinder, deren Eltern in ihrer Lese- oder(und) Schreibfähigkeit eingeschränkt sind. Die Übernahme von Aufgaben, die eigentlich Erwachsene ausüben, fordert die Kinder mehr. So müssen sie beispielsweise die Betreuung jüngerer Geschwister übernehmen, wodurch sie für ihre eigene Entwicklung möglicherweise Defizite haben, oder sie übernehmen das Telefonieren der Familie, um die Kommunikation nach außen zu sichern.

Wir in Kreischa möchten diesen Gedankenanstoß aus Würzburg nicht verhallen lassen. Wir möchten nicht wie bisher die Betroffenen und ihre Angehörigen, was bisher stillschweigend ausschließlich die Lebens-/ Ehepartner waren, sondern speziell die Kinder aphasischer Eltern mit zu uns einladen. Für die Kinder im Alter zwischen 5 - 15 Jahren soll es eine Möglichkeit sein, mit uns über Schlaganfall und Aphasie zu reden. Ihnen zu erklären, was wir darüber wissen und ihnen die Möglichkeit geben, Fragen zu stellen, die sie beschäftigen. Sie können von sich und ihrer Situation erzählen und sie haben die Möglichkeit, mit anderen Kindern, die in ähnlicher Situation sind, zu reden. Außerdem lernen sie andere Betroffene kennen und können sehen, daß es auch andere Familien gibt außer der eigenen, welche mit Aphasie leben. Wir können den Kindern keine neuen Eltern geben oder es selbst für sie sein. Aber wir können uns bemühen, die Lebenssituation vielleicht etwas zu erleichtern. Mit Kindern darüber reden wäre ein Schritt dahin.
Wir hoffen, daß wir Ihre Unterstützung dafür gewinnen können.

Bitte teilen Sie uns Ihre Meinung dazu mit. Ansprechen möchten wir Aphasiker, Angehörige und Freunde sowie besonders die Kinder selbst. Für alle Anregungen und Erfahrungen, die uns und anderen nützen könnten, sind wir dankbar. Die Hinweise von Logopäden, Ärzten und Psychologen, die unser Anliegen unterstützen wollen, sind gleichfalls willkommen.

Hanna Große (Logopädin )
z. Z. Studentin an der Universität Aachen

Helmut Teichmann
Selbsthilfe der Aphasiker

Dresden, 04.04.03

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